Stimme und Sprache

Die Überbrückung des Abgrunds durch Stimme und Sprache vor der Schrift

„Nun ist aber einzig der Mensch unter allen animalischen Wesen mit der Sprache begabt.“ - Der Mensch ist ein „zoon logon echon“ (Aristoteles). Die Prämaturität der menschlichen Geburt bedingt, dass menschliche Wesen hören, bevor sie sehen können. Generell bleibt der Mensch ein Mangelwesen, daher: „Sprachliche Kommunikation ist der Inbegriff kultureller Kompensation natürlicher Mängel.“ (GdM 30)

Das Kind hört zunächst „noise“ und ist noch sprach-los („infans“ = sprachlos). Kinder werden „besprochen, bevor sie sprechen können, hören Stimmen, bevor sie mit einstimmen und mitbestimmen können“ (GdM 30) Die Taufe: Die Sprechenden drücken den Sprachloses ihren Namen auf. Die Taufkinder werden damit zu Unterlegenen (Subjekten, im Sinn von „subiacere“) der Mediensysteme.

Der Mund: Ottilie verweigert sich dem Gebrauch des Mundes: Entsagung des Essens, der Sprache, der Erotik. So wird ihre Hand zum Kommunikationswerkzeug. Hand und Wort, Handgreifliches und Kommunikatives, Begreifen und Begriff, Interaktion und Koordination der Interaktion (von Handlungen) durch die Sprache.

Das Gespräch:„Verständigung und Konsens“ sind keine angemessenen Begriffe, um die Dynamik von Gesprächen zu beschreiben: im Gegenteil, die Kommunikation kommt zum Erliegen, wenn Einigkeit herrscht. Hingegen ist „Dissens“ das eigentliche Movens von „Diskursen“: das Alter will nicht sein wie das Ego. „Wenn sich zwei streiten, tun sie dasselbe – sie streiten sich.“ (GdM 34)

Grundlegung der Funktion von Medien: „Daß etwas nicht stimmt, daß etwas und jemand nicht mit anderem etwas und einem anderen jemand übereinstimmt, daß Sein und Sinn, daß Gott und Welt, daß alter und ego nicht miteinander zurechtkommen, kurzum: daß im Ursprung ein Sprung, schon im Anfang ein Riß ist – das ist die mediale Erfahrung schlechthin. [...] Medien aller Art wollen vermitteln, was zusammengehören will und doch nicht zusammenkommen kann. Medien verdanken also dem Problem der Abwesenheit ihre Existenz. [...] Einheit und Übereinstimmung wäre das Ende aller Medien.Und deshalb haben Medien ein strukturelles Interesse daran, derjenigen Differenz die Existenz zu sichern, der sie ihre Existenz verdanken.“ (GdM 35)

Der Riß und die Arbitrarität von Symbolsystemen: „Aller Sinn ist repräsentativ-symbolisch – ein Medium. Je eigentümlicher, je abstrakter könnte man sagen, die Vorstellung, Bezeichnung, Nachbildung ist, je unähnlicher dem Gegenstande, dem Reize, desto unabhängiger, selbständiger ist der Sinn – bedürfte es nicht einmal einer äußern Veranlassung, so hörte er auf, Sinn zu sein und wäre ein korrespondierendes Wesen.“ (Novalis, Allgemeines Brouillon, nach GdM 35)

Der Riß: Es gibt keine Korrelation, keine verlässliche Relation zwischen dem Medium (der Stimme) und dem Bezeichnetem. Sein und Sinn triften auseinander, und das macht Sinn. Der Riß, die Abgründe, die das Zeichen vom Bezeichneten trennen, sind der Grund der Medien. (GdM 36) Ethymologie „Riß:“ scriptura, writ meint ursprünglich die durch das Pflügen eines Feldes entstehenden Risse, Furchen, Spuren („Inschrift“). Wird übertragen auf den Vorgang des „Ritzens“ im Beschreibvorgang von Ton- oder Wachstafeln. Auch wieder die Gewalt: Riß meint auch die vom Raubtier erledigte Beute.

Auch ein Lesen gibt es vor der Schrift... Aus Eingeweiden, Sternen, Tänzen. Menschen sind diejenigen, die „was nicht deutbar, dennoch deuten“, die „was nie geschrieben wurde, lesen“ (Hofmanntsthal). Das Wort "lesen" hat einen Doppelsinn, einmal als "Ernte" (die "Lese") im Sinne von "Sammeln" , ein andermal als "deuten, auslegen". Wer deutet, wer auslegt, legt auseinander und trennt, was (nicht) zusammen gehört. (GdM 37)

Von der Macht der Stimme. Die Rolle der Stimme in der antiken Geschichte, v.a. in der Geschichte vor der Schrift, ist nicht zu unterschätzen, etwa bei Massenversammlungen, Dionysien, Spielen.

Davon hat sich Einiges im Theater erhalten. Nicht zuletzt die Person im Drama. Das Wort Persona leitet sich von lat. „personare“ her, ähnlich griechisch "prosopon" und etrusk. "persu". Die Person wurde mit einer Maske bedeckt, die eine trichterförmige Mundöffnung hatte, durch die die Stimme durchdringen und die Anwesenden erreichen konnte. Die Stimme musste „tragen“ können. Hierher gehört auch die mediale Funktion des Chors als „Verstärker“. („Ungeheuer ist viel, doch nichts ist ungeheuerlicher als der Mensch.“)

Stimme indiziert lebendig sein, als Person vorhanden sein: „Komm reden wir zusammen, / wer redet, ist nicht tot.“ (G. Benn) Wer Stimme hat, ist präsent, bei sich, anwesend: „Die Toten schweigen“ (Schnitzler). Vgl. auch die „Mündlichkeit“ in Prozessen. Doch zugleich gilt: "Verba volant, scriptura manet" (Stimme ist flüchtig, nur die Schrift ist von Dauer) . Daher genoß die Gedächtniskunst ("memoria") großes Ansehen. Sie hat einen Stammvater, den griechischen Lyriker Simonides Melicus von Keos

Hören : Gehorchen

Der sozialistische Dorfrundfunk, kabelgebunden. Und meilenweit weg von Brechts Radiotheorien. Gesehen in der Ostslowakei 2003.

In einer Prager Straßenbahn ...

Nicht mit dem Fahrer / der Fahrerin sprechen!

Zu den Quellenangaben

Quellenangaben finden sich auf einer eigenen Seite. Dort werden die verwendeten Siglen aufgelöst.