Das Buchmodell der Universalgeschichte

Schillers Antrittsrede in Jena (Mai 1789)

Schiller thematisiert das Methodenproblem der Geschichtswissenschaft aus der Sicht der "Gutenberg-Galaxis": Die Quelle aller Geschichte ist Tradition, und das Organ der Tradition ist Sprache.. Schiller argumentiert aus den Zeitalter des Buchdrucks heraus und konstruiert das Geschichtsbild in diesem Sinn als Geschichte des geschriebenen, vor allem aber des gedruckten Worts. Kanon der Geschichtsschreibung ist das Buch.

Unzählig viele dieser Ereignisse haben entweder keinen menschlichen Zeugen und Beobachter gefunden, oder sie sind durch kein Zeichen festgehalten worden. Dahin gehören alle, die dem Menschengeschlechte selbst und der Erfindung der Zeichen vorhergegangen sind. Die Quelle aller Geschichte ist Tradition, und das Organ der Tradition ist die Sprache. Die ganze Epoche vor der Sprache, so folgenreich sie auch für die Welt gewesen, ist für die Weltgeschichte verloren.

Nachdem aber auch die Sprache erfunden, und durch sie die Möglichkeit vorhanden war, geschehene Dinge auszudrücken und weiter mitzuteilen, so geschah diese Mitteilung anfangs durch den unsichern und wandelbaren Weg der Sagen. Von Munde zu Munde pflanzte sich eine solche Begebenheit durch eine lange Folge von Geschlechtern fort, und da sie durch Media ging, die verändert werden und verändern, so mußte sie diese Veränderungen miterleiden. Die lebendige Tradition oder die mündliche Sage ist daher eine sehr unzuverlässige Quelle für die Geschichte, daher sind alle Begebenheiten vor dem Gebrauche der Schrift für die Weltgeschichte so gut als verloren. Die Schrift ist aber selbst nicht unvergänglich; unzählig viele Denkmäler des Altertums haben Zeit und Zufälle zerstört, und nur wenige Trümmer haben sich aus der Vorwelt in die Zeiten der Buchdruckerkunst gerettet. Bei weitem der größte Teil ist mit den Aufschlüssen, die er uns geben sollte, für die Weltgeschichte verloren. Unter den wenigen endlich, welche die Zeit verschonte, ist die größere Anzahl durch die Leidenschaft, durch den Unverstand, und oft selbst durch das Genie ihrer Beschreiber verunstaltet und unkennbar gemacht.

So würde denn unsre Weltgeschichte nie etwas anders als ein Aggregat von Bruchstücken werden, und nie den Namen einer Wissenschaft verdienen. Jetzt also kommt ihr der philosophische Verstand zu Hülfe, und, indem er diese Bruchstücke durch künstliche Bindungsglieder verkettet, erhebt er das Aggregat zum System, zu einem vernunftmäßig zusammenhängenden Ganzen. Seine Beglaubigung dazu liegt in der Gleichförmigkeit und unveränderlichen Einheit der Naturgesetze und des menschlichen Gemüts, welche Einheit Ursache ist, daß die Ereignisse des entferntesten Altertums, unter dem Zusammenfluß ähnlicher Umstände von außen, in den neuesten Zeitläuften wiederkehren [...].

Schiller: Universalgeschichte (1789)

Droysens "Topik"

Droysen entwickelt eine Theorie der historischen Darstellungsformen, leitend sind die Gesichtspunkte der Kontinuität und der erzählenden Geschichtsschreibung, die auf der Basis einer "Mimesis des Suchens und Findens" die Gegenwart durch die Aufklärung der Vergangengeit bereichert und vertieft. Die Vergangenheit wird erschlossen durch das, was von ihr in der Gegenwart noch vorhanden ist. Die Geschichtsschreibung soll sich zurücknehmen, sie soll prosaisch, keinesfalls poetisch sein, der "ordo naturalis" ist einzuhalten. (Vgl. Schanze, 187)

Das erzählende Buchmodell wird brüchig

Gegen Ende des 19. Jhs wird zunehmend die Sprache selbst als Medium wahrgenommen, das objektivistische Erzählen der Geschichte (beschreiben, wie es gewesen ist) wird brüchig, die sprachtheoretische Wende der Philosophie" bindet das Denken an die Sprache zurück, die Rhetorik wird als erste Medientheorie neu entdeckt. Schanze (2006)

Es wird bewusst, das Geschichte und Geschichtsschreibung immer schon mit "Media" zu tun hat, sowohl was ihre Gegenstände (die Überlieferung) als auch was ihre Vermittlung (die Geschichtsschreibung) anlangt.

Mediengeschichte als Geschichte der Diskontinuitäten

Die "Mediengeschichte" bieten eine neue Historiographie an, die getragen ist vom Modell des Übergangs, des Medienbruchs, welches der Entwicklung der Medien eigen ist: sie verzichtet [...] auf Kohärenzen und Kontinuitäten. Sie plädiert für eine diskontinuierliche Geschichte, ein Denken der Diskontinuität (Foucault) Schanze (2006), S. 190

Dass die Existenz von "Media" in der Geschichte immer auch Brüche, Fragmentierungen hervorruft, wird schon bei Schiller deutlich. Geschichte als Ganzheit auf der Basis einer angenommenen Kontinuität ist bestenfalls die, welche das erkennende Subjekt herstellt. In diesem Sinn kann es nie nur eine geschichtliche Wahrheit geben. Mediengeschichte ist als Geschichte der Diskontinuitäten zu denken.

Der "Bedarf an Mediengeschichte" seit den 70er Jahren des 20. Jhs prägt sich auch in verschiedenen "Mediengeschichten" aus: Literaturgeschichte, Filmgeschichte, Kunstgeschichte, Musikgeschichte etc. als Mediengeschichten mit oft unterschiedlichen Medienbegriffen. Offen bleibt die Frage nach einer allgemeinen Mediengeschichte (als "Universalgeschichte").

Mediengeschichte wird- wie alle Geschichten - als rückwärts gekehrte Prophetie geschrieben. Sie geht aus von einem Medienbegriff, der in der Gegenwart begründet istSchanze (2006), S. 193. Das Spiegelmodell der Geschichte gilt auch für die Mediengeschichte.

Das "Ende der Geschichte" und der "medial turn"

Neue, kritische Ansätze beginnend mit den 60er-Jahren des 20. Jhs (Susan Sontag, Leslie Fiedler). Die "Postmodernen" rufen das Zeitalter der Posthistorie und das Ende der Geschichte aus. In der Literaturwissenschaft werden (Massen)medien zunehmend zum Forschungsgegenstand, die Trivialliteraturforschung erhält Auftrieb, grundlegende Änderungen des Literaturbegriffs werden vorgeschlagen. Das Ende der Geschichte ist zugleich die Stunde der Mediengeschichte, angesichts des Vordringens der audivisuellen Medien entsteht ein wachsender Bedarf an Mediengeschichte und -theorie. Deren "analytisches Besteck" kommt vornehmlich vom Strukturalismus und der Semiotik. Die Entwicklung vollzieht sich u.a. vor dem Hintergrund der Durchsetzung des Fernsehens in den 60er und 70ern.

Modelle und Probleme einer Mediengeschichte

Der Versuch, Modelle der Mediengeschichtsschreibung in eine Art Ordnung zu bringen, stößt auf Schwierigkeiten: Da es unterschiedliche, kaum kompatible Medienbegriffe gibt, sind kompatible Mediengeschichten schwer möglich. Schanze schlägt folgende Taxonomie für die Einordnung von Medienbegriffen vor: Innovation (eher technisch orientiert), Modernität (referiert auf Organisationen), Avantgarde (Technik als kreatives Potential), Alterität (Prinzip der Wiederholung, des Immer-Gleichen, Zyklik, Verlust der Wahrnehmung und des Körpers). Diese referieren ihrerseits auf mögliche Ansätze von Mediengeschichtsmodellen. In der Tat ist die Polyperspektive der Mediengeschichtsschreibung das sie belebende Element.

Zu den Quellenangaben

Quellenangaben finden sich auf einer eigenen Seite. Dort werden die verwendeten Siglen aufgelöst.