Stichworte zur Geschichte des Lesens

  • Mittelalter: Zahlreiche Einschränkungen: Latinität, Verfügbarkeit, Mangel an Lesehilfen (Brillen, Licht etc.). Entkoppelung von Lesen (meist das Erste) und Schreiben.
  • Lesepublikum: Zu Zeiten des „Werther“ ca. 15% der Bevölkerung in Deutschland. 1830 ca. 40%, 1875 ca. 75%, 1900 ca. 90%.
    18. Jh: Verdrängung der religiösen Literatur zugunsten der Belletristik. Die Dichtung selbst stimuliert ihre Leserschaft zur Proliferation von Dichtung, der literarische Diskurs entsteht.
  • Übergang von der intensiven zur extensiven Lektüre. Der Typus des Viellesers entsteht.
  • Entstehung einer druckzentrierten Medien-Infrastruktur (Subskription, Post, Buchhandel, Verlagswesen). Entstehung eines „klassischen“ Lesepublikums“ um 1800.
  • Das 19. Jh ist das Jh des Papiers (und des Bildungsbürgertums).

Lesesozialisation, Sozialisation durch Lesen

Literatur als „Lebensschule“: Subjekte brauchen Medien, die ihnen - durch „Codierung von Intimität“ [Luhmann] - vorschlagen, wie man leben soll. Lektüre liefert Gebrauchsanweisungen für das Leben. Gedrucktes macht „Vor-Schriften“, es verfügt eine Quasi-Monopolstellung bei den Medien von 1450 – 1850; auch die alten oralen Medien (Gottesdienst, Theater, ...) sind in der Regel auf Gedrucktes angewiesen.

Lesen macht einsam: Lesen produziert Subjekte, die sich von anderen Subjekten (z.B. den Müttern, den Lehrern, der Obrigkeit) abgrenzen.

Der Leseprozess entzieht sich der Kontrolle und produziert daher Lenkungs- und Kontrollversuche, wie zum Beispiel Kanonbildungen und Zensur. Das „Lesen unter der Bettdecke“ - ein klassisches Motiv der Lesesozialisation - entzieht sich dieser Bevormundung und Kontrolle.

Lesen produziert ein „zweites Sein“, Grenzüberschreitung. Rilke (Der Leser):
WER kennt ihn nicht, diesen, welcher sein Gesicht
wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wenden voller Seiten
machnmal gewaltsam unterbricht?
Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,
ob er es ist, der da mit seinem Schatten
Getränktes liest. [...]
(Zitiert nach GdM, S. 161)

Neben der ersten, sinnlichen Welt (die „fertig-volle Welt“) soll eine zweite, die Welt des Sinns entstehen, die der Leser „gibt“. Wer gibt (den „Sinn“), der nimmt auch (die sinnlichen Gewissheiten). Diese Welt ist die „Hinterwelt“ (Nietzsche, = Metaphysik). Literatur versorgt die Welt mit „semantischem Überschuss“ (der Roman als Maschine von Interpretationen), der für die Veränderungsdynamik moderner, komplexer Gesellschaften erforderlich ist.

Die emanzipatorische Qualität des Buchdrucks

Komplementäreffekt zur Sachlichkeit der Bücher: Massenhafte Produktion sensibler Individuen im Gegenzug („der hoffärtige Geist der eigenen, originalen Autorschaft“ [Müller] verachtet die Kopisten des Mittelalters).

Die französische Revolution bedient sich des Buches in diesem Sinn der Drucktechnik zum Zweck der Emanzipation des Subjekts von seiner Tradition.

Die Massenproduktionstechnik Buchdruck produziert „unvergleichliche und unteilbare Individuen“ (GdM, S. 151) und erfindet den „Autor“ (Foucault). Sie ermöglicht die distanzierte Kommunikation mit Geistern, auch mit toten.

Die großen Seelen, die der Tod verbannt,
Und die verblaßt sind in der Jahre Dunst,
Erstehn befreit, mein Freund, durch Buchdrucks Kunst.
(Francisco de Quevedo)

Diese emanzipatorische und subjektivierende Kraft der Lektüre wird auch in der Medienkritik deutlich: Buchlektüre vereinsamt und setzt Subjekte. Lesesucht macht ver-rückt - im Gegensatz zum gelenkten pädagogischen Gespräch zwischen dem Lehrer und seinem Schüler.

 

Entstehung von Subjektivität durch die Schrift

Entstehung der selbstbewussten Subjektivität durch die Schrift (Subjekt als "Medieneffekt"): Die "Geburt der individuellen Seele aus dem Geist der phonetischen Alphabetschrift" (GdM 103, vgl. A. und J. Assmann, vgl. G.W.F. Hegel). Selbstabgrenzung des Individuums auf der Basis des Festgeschriebenen.

"Breakdown of the Bicameral Mind" als Folge der Schriftenwicklung?

Schrift als Mittel zu einer neuartigen Verbindung der beiden Gehirnhälften (der sinnlich-wahrnehmenden und der abstrahierenden). J. Jaynes: The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind, 1976.

Das Stimmenhören der Homerische Helden und das Vorhandensein eines dritten Verbmodus im Griechischen ("Medium"!) wird auf einen Zustand zurückgeführt, in dem die beiden Gehirnhälften noch nicht ausreichend koordiniert waren. "Die Helden der Ilias hatten überhaupt kein Selbst." (Jaynes). Überbrückung des "Chorismus" zwischen der Reinheit der geistigen Laute und den "schwarzen Linien". "Das Medium Schrift überbrückt Abgründe." (GdM 106). Koordination von Interaktion zwischen Alter und Ego. Konstitutierung der Homogenität des Ego.

Ilma Rakusa: „Nimm ein Buch und lies.“

Alle Zitate in diesem Abschnitt aus Rakusa (2005).

"Nimm ein Buch und lies. Was dann passiert, ist nicht genau voraussehbar, aber packt mich die Lektüre, bin ich gebannt, ich folge der Geschichte durch Dich und Dünn, vergesse die Zeit, den Alltag, meine Umgebung, fiebere mit und leide, unterstreiche mit dem Bleistift Sätze, die mich bewegen oder verwirren, blättere zurück, um mich zu vergewissern, oder nach vorn, um meine Neugier zu stillen. Ich bin konzentriert, bei der Sache, glücklich.“

Lesen ist ein kontemplativer Vorgang, von Aufmerksamkeit, Ruhe, Selbstvergessenheit geprägt. „Sinnlichkeit, Beschaulichkeit, Entspannung: eine wichtige Triade“ des Lesens.

„Das Leseglück bietet, für einen vergleichsweise bescheidenen Aufwand, eine seltene Mischung von Bei-sich- und Außer-sich-Sein, einen Zustand höchster Wachheit und ruhiger Entspannung.“ 

Lesen ist langsam und verlangt vom Lesen eine aktive Haltung eines selbständig denkenden und empfindenden Subjekts. „Die Geduld des Lesens besteht im Buchstabieren der Worte und Leerstellen, im Ertasten der Sätze und Rhythmen. Bis Sinn und Fülle entsteht, eine 'wiederverzauberte' Welt. [...] message ist die Schwundstufe der Kommunikation“  Lesen schafft einen „Leseraum“, eine „Lesewirklichkeit“.

„Der Roman soll keine Eile haben. Früher konnte auch die Eile in seine Sphäre gehören, jetzt hat sie der Film aufgenommen; an ihm gemessen muß der eilige Roman immer unzulänglich bleiben.“
Rakusa (2005), 16

Lesen und Liebe: Lektüre als Liebesakt / Liebesakt als Lektüre

"Ich bin allein mit dem Buch. Wir sind zu zweit. Mein rechter Finger folgt den Zeilen, streicht über den Seitenrand. Kein Eselsohr, sondern der Bleistift markiert, daß mich ein Wort, ein Satz oder ein Abschnitt berührt haben. [...] Meine Zärtlichkeit nimmt zu, weil das Buch mich versteht. Ja, es versteht mich, als hätte nicht ich es ausgesucht, sondern es mich. Unser Zwiegespräch könnte intimer nicht sein, während draußen die Landschaft vorbeizieht. Oder die Nachbarskinder toben. Wir teilen uns einen Raum, und er gehört uns, den liebend Verbündeten. So wie ich dich lese, liest dich niemand, sage ich zum Buch. Und das Buch: Was ich dir gebe, weißt nur du.“
Rakusa (2005) 17

"[...] Körper wollen gelesen werden. Auge, Hand, Zunge erkunden tastend die Landschaft der Haut, Zartes und Grobproriges, Glattes und Rauhes, Wölbungen, Vertiefungen, Falten, Haar. Die Semantik des Körpers erschließt sich durch diesen Leseakt, dem der andere folgt: als Summa. Wobei die Lesarten variieren, wie die Tages- und Nachtzeiten. Meine Leistung ist es, dich immer neu zu sehen. Dank meiner Liebe, meiner Phantasie, meiner Geduld. Ich memoriere dich und lasse dich frei. Ich bin frei, deine Codes zu lernen und so zu verlernen, daß du staunst. Ich werde dich nie ausgelesen haben.“

Zu den Quellenangaben

Quellenangaben finden sich auf einer eigenen Seite. Dort werden die verwendeten Siglen aufgelöst.

Sätze zum Lesen

  • „Lesen sorgt für systematische Irritation.“ (GdM, S. 163)
  • „Alles könnte auch ganz anders sein“, sagt das Buch. Lesen (und Medienkonsum) ist „riskant“.
  • Lesen ist eine Anthropotechnik, die modelliert, was den Menschen ausmachen soll.
  • Lesen erzeugt Gemeinsamkeit. Lesen, Leben, Lieben sind eng verwandt. Dante, Divina Comedia: Von den Gefahren gemeinsamer Lektüre: „An diesem Tage lasen wir nicht weiter ...“ (GdM, S. 159)
  • Der Humanismus ist ein Medieneffekt. (Sloterdijk, Regeln für den Menschenpark, 1999).