Kritik der Schrift I : Phaidros (Teuth-Episode)

Die Urform der Medienkritik bildet der Phaidros-Dialog Platos. Die Erzählung vom Gott Theuth, der dem König "Thamus" (Ammon) eine Reihe von Innovationen vorschlägt, die er selbst erfunden hat. Zahl und Rechnung, die Messkunst und Sternkunde, Brett- und Würfelspiele und dann auch noch die Buchstaben. Diese Erfindungen sollen nicht nur der ägyptischen Oberschicht, sondern auch "anderen Ägyptern" mitgeteilt werden.

Theuth: "Diese Kunst [die Schriftkunst, die Buchstaben], oh König, wird die Ägypter weiser machen und gedächtnisreicher, denn als ein Mittel für den Verstand und das Gedächtnis ist sie erfunden."
 
Der König aber:"O kunstreichster Theuth, einer versteht, was zu den Künsten gehört, ans Licht zu gebären; ein anderer zu beurteilen, wieviel Schaden und Vorteile sie denen bringen, die sie gebrauchen werden." - Ein früher Fall von Technikfolgenabschätzung.

Der König: "So hast auch du jetzt als Vater der Buchstaben aus Liebe das Gegenteil dessen gesagt, was sie bewirken. Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur außen und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für das Gedächtnis, sondern nur für die Erinnerung hast Du ein Mittel erfunden. Und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. Denn indem sie nun vieles gehört haben ohne Unterricht, werden sie sich auch vielwissend zu sein dünken, obwohl sie doch unwissend größtenteils sind und schwer zu behandeln, nachdem sie dünkelweise geworden sind statt weise."
[Klassische Medienkritik!]

Entfremdung durch Medien: Medien entfremden von den eigentlich seienden Ideen, die toten Buchstaben suggerieren bloß noch den Bezug zu lebendigen Geist. "Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und darin ist sie ganz eigentlich der Malerei ähnlich: denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebendig, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso die Schriften." Auf Nachfrage enthalten die Texte immer dasselbe und nur dasselbe. Man kann sie nicht fragen, sie geben keinen Antworten.

Wer sich Speichermedien anvertraut, verwechselt das eigentliche Erlebnis mit seiner Reproduktion. Die Medien entfernen uns vom Eigentlichen, vom Leben, vom eigentlichen Gespräch, usw. und stellt nur Simulacren her, nicht aber die Sache selbst!

Die "Kinder" des Autors entgleiten ihrem "Vater" durch die Schriftlichkeit: Die "Kinder" des Autors entgleiten ihrem "Vater" durch die Schriftlichkeit "Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen und unter denen, für die sie sich nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht. Und wird sie beleidigt oder unverdienterweise beschimpft, so bedarf sie immer ihres Vaters Hilfe; denn sie selbst ist weder imstande, sich zu schützen, noch sich zu helfen." Kontrollverlust der Autoren, keine Chance, die Rezeption zu lenken.

Ins Gegenteil gewendet (mit Rekurs auf die Eigenständigkeit des geschriebenen Worts): "Ein Erzähler darf das eigene Werk nicht interpretieren, andernfalls hätte er keinen Roman geschrieben, denn ein Roman ist eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen. [...] Der Autor müßte das Zeitliche segnen, nachdem er geschrieben hat. Damit er die Eigenbewegung des Textes nicht stört." (U. Eco, Nachschrift zum "Namen der Rose", 14)

 

 

Kritik der Schrift II : Enzensberger 1970

Immerhin sprechen fast alle Leute besser als sie schreiben. (Das gilt auch für Schriftsteller.) Das Schreiben ist eine äußerst stark formalisierte Technik, die schon rein physiologisch eine eigentümlich starre Körperhaltung erfordert. Dem entspricht der hohe Grad an sozialer Spezialisierung, den sie erzwingt. Berufsmäßige Schreiber neigen seit jeher zum Kastendenken.


[...] Der ganze Vormittag ist außergewöhnlich tabubesetzt. Orthographische Fehler, die für die Kommunikation völlig belanglos sind, werden mit der gesellschaftlichen Deklassierung des Schreibers geahndet; den Regeln, die für diese Technik gelten, wird eine normative Kraft zugeschrieben, für die es keine rationale Begründung gibt. Einschüchterung durch die Schrift ist auch in entwickelten industriellen Gesellschaften eine weitverbreitete klassenspezifische Erscheinung geblieben. Diese Entfremdungsmomente sind aus der geschriebenen Literatur nicht zu tilgen.[...]

Die Formalisierung der geschriebenen Sprache erlaubt und begünstigt das Verdrängen von Widerständen. Beim Sprechen verraten sich ungelöste Widersprüche schon durch Pausen, Stockungen, Versprecher, Wiederholungen, Anakoluthe, ganz abgesehen von der Phrasierung, der Mimik, der Gestikulation, dem Tempo und der Lautstärke. [...]

Strukturell ist der Buchdruck ein monologisches Medium, das sowohl Produzenten als auch Leser isoliert. Feedback und Wechselwirkung sind äußerst begrenzt, erfordern umständliche Vorkehrungen und führen in den seltensten Fällen zu Korrekturen: Die einmal ausgedruckte Auflage ist unbelehrbar, man kann sie allenfalls einstampfen. Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: Kursbuch 20 (1970)