Initiation in die Schriftsysteme

Die Initiation in die Schriftsysteme bewirkt einen ästhetischen Umcodierungsprozess. Durch das Auftauchen neuer Techniken "verschiebt sich das gegenseitige Verhältnis aller unserer Sinne" (McL 30) Schriftsysteme erfordern eine komplizierte Initiation, die aus den Teletubbies Schreibende / Lesende macht.  

Lesen (und auch Sprachverstehen) will gelernt sein, es fordert die Veränderung der Wahrnehmungsmuster durch den Medienwandel: Jeder Medienwandel beinhaltet einen anfänglichen Schock, gefolgt von einer Phase der Anpassung des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens. Jeder Zusammenhang zwischen dem, was wir wahrnehmen, und dem, was wir schriftlich kommunizieren, wird zerrissen. Lesen lernen heißt, die Orientierung von den Sinnen hin zum Sinn aufzunehmen. "Das Medium der Lettern läßt die Unmittelbarkeit von Hören und Sehen vergehen." (GdM 88)

Schrift ist ein System der analytischen Zerlegung. "[...] der alphabetische Mensch [ist] ein gespaltener Mensch, ein Schizophrener" (McL 26f) Der Prozess der Alphabetisierung trägt den Makel von struktureller und institutioneller Gewalt. "Schrift ist ein Abstraktionsmedium von solchen Graden, dass es noch mit sich selbst in Distanz treten kann" - ein Medium der Unterwerfung und der Befreiung.

Sinn oder Sinne: Der grüne Heinrich und der Pumpernikel

Exemplarisch für die Probleme der Alphabetisierung: Gottfried Kellers Der grüne Heinrich. Schrift induziert Wahrnehmungsdifferenzen: Bilder, Sound ist den Sinnen unterworfen, die Buchstaben gehören zur Welt des Sinns. Hören und sehen kann man immer schon, diese Prozesse sind automatisiert. Der grüne Heinrich tut sich schwer mit dem Erlernen der Schrift: das große "P" wird zum endlich und fälschlich erkannten Pumpernikel.

 

 

Gottfried Keller: Der Grüne Heinrich

Ich hatte schon seit geraumer Zeit einmal das Wort Pumpernickel gehört, und es gefiel mir ungemein, nur wußte ich durchaus keine leibliche Form dafür zu finden und Niemand konnte mir eine Auskunft geben, weil die Sache, welche diesen Namen führt, einige hundert Stunden weit zu Hause war. Nun sollte ich plötzlich das große P benennen, welches mir in seinem ganzen Wesen äußerst wunderlich und humoristisch vorkam, und es ward in meiner Seele klar und ich sprach mit Entschiedenheit: Dieses ist der Pumpernickel! Ich hegte keinen Zweifel, weder an der Welt, noch an mir, noch am Pumpernickel, und war froh in meinem Herzen; aber je ernsthafter und selbstzufriedener mein Gesicht in diesem Augenblicke war, desto mehr hielt mich der Schulmeister für einen durchtriebenen und frechen Schalk, dessen Bosheit sofort gebrochen werden müßte, und er fiel über mich her und schüttelte mich eine Minute lang so wild an den Haaren, daß mir Hören und Sehen verging. Dieser Ueberfall kam mir seiner Fremdheit und Neuheit wegen wie ein böser Traum vor und ich machte augenblicklich nichts daraus, als daß ich, stumm und thränenlos, aber voll innerer Beklemmung den Mann ansah.

Kapitel 3: Kindheit. Erste Theologie. Schulbänklein.

Quelle