Gesellschaftliche und soziale Aspekte der Schriftkultur

Schrift definiert Unterschiede. So zum Beispiel fördert die Schriftkultur die folgende Differenzierungen.

  • Hochkultur – Massenkultur
  • Vorgeschichte – Geschichte
  • Natur – Kultur
  • Dritte Welt – Erste Welt
  • Vorschulkind – Schulkind
  • "Heiße" vs "kalte" Gesellschaften

Schriftgesellschaften seien "heiße" Gesellschaften, orale "kalte", so Claude Levi-Strauss in La pensée sauvage. Die heißen gelten als besonders evolutionsfreudig, sie sind - ob sie es wollen oder nicht - "differenzbetont".

  • Bewußtsein von "Vergangenheit" durch die eigentümlichen Konservierungsfunktionen der Schrift. Entstehung eines "historischen Bewußtseins".
  • Entstehung eines Veränderungsbewußtseins
  • Unterstützung der Bildung von Großverbänden: Gesetzgebung und Jurisdiktion auf der Basis gesicherter, weil schriftlich fixierter Regeln.
  • Akkumulationsmöglichkeit von Wissen über Generationen
  • Lineare Denk- und Erfahrungsweisen, Zeitbewußtsein.
  • Unterstützung komplexer sozialer Strukturen, Städtebildung
  • Komplexe Formen des Wirtschaftens: Geld und Schuldscheine brauchen die Schrift

 

Orale Kulturen vs Schriftkulturen nach McLuhan

Orale Kulturen

Schriftkulturen

Geschlossene Gesellschaften (auch bei nicht-phonetischen Schriftsystemen)

Offene Gesellschaften

Zeitwahrnehmung "mittelalterlich" (viele Zeiten, zyklische Zeitwahrnehmung)

Zeitwahrnehmung kontinuierlich, linear, gerichtet (Beispiel: "Unverhofftes Wiedersehen")

"Tribal Societies" (http://de.wikipedia.org/wiki/Tribalismus )

Zentralismus, Arbeits- und Machtverteilung

Analphabetismus

Alphabetismus

Sprache, Wörter haben magische "Naturkraft"

Wörter haben "Bedeutung". Dem Wort wird die magische Macht entzogen.

Töne sind Anzeichen von dynamischen Vorgängen

"Sehen heißt glauben". Wenn Wörter geschrieben werden, werden sie Teil der "Augenwelt". (Medienkonversion!)

Raumzeitliche Wahrnehmung fördert das Kausalitätsprinzip.

Das gesprochene Wort ist dynamisch

Das geschriebene Wort ist statisch.

Das gesprochene Wort richtet sich unmittelbar an Adressaten.

Die Schrift kann von jedem zur verschiedensten Zeiten gelesen werden (fikitive Kommunikationssituation entsteht).

Verhaltenslenkung durch das "ausgesprochene Wort" ("gehorchen", "versprechen"). Aussprechen => Handeln Die Wörter sind "Augenblicksgötter" (Cassierer)

Freiheit der "inneren Abweichung", "Rezeptionsfreiheit", Beliebigkeit des geschriebenen Worts. Denken ≠ Handeln, Gedankenfreiheit

"magische Welt des Ohres"

"neutrale Welt des Auges"

Mythisches Denken, Schamanismus

Logisches Denken

 

 

Meldungen vom lyrischen Betrieb

Hans Magnus Enzensberger über die Oralität von Lyrik (1989)

Allem Fortschritt zum Hohn gibt es in unserer Industriekultur kaum Menschen, die nicht den einen oder anderen Vers auswendig wüßten, und sei es nur ein Kinderreim, ein Schlagertext oder eine Passage aus dem Vaterunser. Das Gedicht ist die einzige literarische Form, die heute wie vor ein paar tausend Jahren im Kopf bewahrt wird, wenn auch in minimaler Dosierung: ein Text, der, als voralphabetischer Rest, ohne Schrift und ohne andere Speichermedien auskommen kann. Mit dem Witz und dem Gerücht teilt die Poesie die beneidenswerte Fähigkeit, ohne industrielle Vermittlungen zu zirkulieren. [...]


Mit einem Wort: wie überall sonst herrscht auch in der Kultur ein lücken- und gnadenloses Treiben, und es ist egal, ob es dabei um Töne oder Bilder, Romane oder Theorien geht. Erst vor diesem Hintergrund läßt sich ermessen, was es heißt, daß ein Mitspieler, der Lyriker, auf diesem Schauplatz fehlt. Einen Poesiemarkt gibt es nicht. Das Gedicht ist das einzige Produkt menschlicher Geistestätigkeit, das gegen jeden Versuch, es zu verwerten, immun ist.

Hans Magnus Enzensberger: Scharmützel und Scholien. Über Literatur (2009), S. 199 ff.