Die Schrift

Altes Medium

Was Sie vor Augen haben,
meine Damen und Herren,
das sind Buchstaben,
Entschuldigen Sie.
Entschuldigen Sie.
Schwer zu entziffern.
Ich weiß, ich weiß.
Eine Zumutung.
Sie hätten es lieber audiovisuell,
digital und in Farbe.

Aber wem es wirklich ernst ist
mit virtual reality,
sagen wir mal:
Füllest wieder Busch & Tal,
oder: Einsamer nie als im August,
oder: Die Nacht schwingt ihre Fahn,
der kommt mit wenig aus.

Sechsundzwanzig
dieser schwarz-weißen Tänzer,
ganz ohne Graphik-Display und CD-ROM,
als Hardware ein Bleistiftstummel:
das ist alles.

Entschuldigen Sie.
Entschuldigen Sie bitte.
Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.
Aber Sie wissen ja, wie das ist:
Manche verlernen es nie.

Hans Magnus Enzensberger, 1995

Kleiner Überblick zur Schriftentstehung

  • -3400 bis -3200 (spätestens -2450): Sumerische Keilschrift: Wortschrift mit ca. 600 Zeichen
  • -3200 bis 3000 Ägyptische Hieroglyphenschrift: Teilphonetische Schrift
  • -2500 Schriftsystem im Indus-Tal
  • -1500 bis 1200 Chinesische Schrift (Shang-Dynastie). Heute ca. 70.000 Zeichen, von denen 10.000 verwendet werden, ca. 3000 häufig.
  • -900 Erstes voll ausgebildetes phonetisches Alphabet mit 24 Buchstaben (Griechenland)
  • -600 Lateinisches Alphabet

Die phonetische Schrift beruht auf dem Prinzip der Zerlegung in Phonogramme. Akt des Schreibens und Lesens lange Zeit mit Stimmartikulation verbunden: Codierung / Decodierungsprozess steckt im griechischen Wort für lesen - "anagignosko" (wiedererkennen).

Das Projekt Schrift: Nur etwa 650 der 5000 Sprachen sind Schriftsprachen. "Schriftsprache" beeichnet eine "durch Schrift verfeinerte Sprache" (vgl. Flusser, Die Schrift.)

Theorien der Schriftentstehung

Das Paradigma William Warburtons (1738) kann als wiederlegt gelten. Seine Theorie ging von einer durchaus suggestiv wirkenden 3-Phasen-Entwicklung aus.

  • Pictographische Systeme (wie die Atzekischen Codes)
  • Logographische Systeme ("every distinct idea has its distinc mark")
  • Phonetische Schrift

Die erste Infragestellung erfolgte bereits durch Jean-Francois Champollion. Die Entzifferung des Rosetta-Steins (1822) war nur mit der Hypothese möglich, dass die Hierogyphenschrift eine Kombination aus Phonogrammen, Determinativen (Sinnzeichen) und Ideogrammen (Wortzeichen) ist.

Thesen von Denise Schmandt-Besserat: Before Writing (1992)

  • Zeichenobjekte vor der Schrift (Tokens) entstehen schon früh (- 8000) im orientalischen Raum, bei den Sumerer als Zählzeichen ("Counting Devices").
  • Abstrakte Frühformen von Zahlen sind die Geburtshelfer der Schriftlichkeit. Damit bestätigt sich die Rolle der Ökonomie als Mutter der Schrift.
  • Schrift ist zudem als ein Produkt der Differenzierung zu verstehen: sobald die Ziffer die abstrakte Quantität ausdrückt, muss zu ihr ein Zweites treten, das die Qualität des Gezählten ausdrücken kann.

Besonderheiten der phonographischen Schrift

  • Auch komplizierte Begriffe lassen sich darstellen ("nichts", "kaum", ...)
  • Die phonographischen Schriftzeichen sind analytisch, nicht synthetisch. Sie stellen einen Laut- und nicht einen Wortbezug her.
  • Einfache Codierung (z.B. 24 Zeichen)
  • Abstraktion: Die Zeichen sehen völlig von dem ab, was sie bezeichnen.
  • Phonographische Schrift ist sprachabhängig (arbre – tree – baum)
  • "Flache" und "tiefe" Phonographien (Esperanto, Spanisch vs Englisch)

Besonderheiten logographischer Schriften

  • Anti-Abstraktion: Die Verschriftlichung setzt beim Wort, Begriff, Konzept an
  • Wer die Zeichen kennt, weiß welche Worte gemeint sind.
  • Sprachunabhängigkeit des Schriftsystems: es kann in verschiedenen Sprachen zum Einsatz kommen, kann Dialekte miteinander verbinden (politische Funktion!)
  • China / Japan: Viele Homophonien (bis zu 30 und mehr) erschweren die Durchsetzung einer phonetischen Schrift (hohes Maß an Ambiguität)
  • Im numerischen Bereich verwenden auch phonographische Schriftsysteme logographische Elemente

Die Materialität der Schrift

"Die Regel gilt: Je älter der Stoff ist, dem die Schriftzeichen anvertraut werden, desto haltbarer ist er." (GdM 121)

  • Papyrus: Seit dem dritten vorchristlichen Jahrtausend bekannt. Daraus Schriftrollen von ca. 23 cm Breite und bis zu 5 Meter Länge. Beipiel: Die erst vor kurzem entdeckte und akribisch an der Universität München entzifferte Schriftrolle mit dem verschollenen Text von Empedokles: Über die Natur.
  • Kodex: , lat. codex für "Schreibtafel aus gespaltenem Holz", später in Buchform gebundene Papyri bzw. Pergamente. Zwischen dem dritten und dem fünften Jh. entsteht so das "Grunddesign" des Buchs und setzt sich gegen die Schriftrolle durch. Beispiel einer digitalisierten Aufbereitung (CEEC Köln)
  • Pergament: Die Technik der Herstellung aus ungegerbten Tierhäuten ist seit dem 13. vorchristlichen Jahrhundert allgemein bekannt und wurde wahrscheinlich in Pergamo verbessert.
  • Papier: Technik der Papierproduktion in Europa ab ca. 900 bekannt - erfunden in China um 128.

Schreiben ist ein komplexer Vorgang

Dem Digital Native mag es seltsam in den Ohren klingen (oder besser: vor den Augen flimmern), aber schon Schreiben erforderte eine "technische Infrastruktur".

Zum Schreiben benötigt man ...

  • Eine Oberfläche (Beschreibstoff)
  • Schreib-Werkzeuge (Schreibstoff)
  • Zeichenvorrat (Glyphen, Buchstaben)
  • Eine Konvention betreffend die Bedeutung der Buchstaben
  • Regeln (Orthographie)
  • System (Grammatik)
  • Ein durch das System der Grammatik bezeichnetes System (Semantik)
  • Eine zu schreibende Botschaft
  • Der motorische Schreibvorgang selbst

(Vilèm Flusser über die über die Komplexität des Vorgangs, der "Schreiben" heißt.)

Codizes

Codex aus dem 13. Jahrhundert (Musée de Cluny, Paris)

Zu den Quellenangaben

Quellenangaben finden sich auf einer eigenen Seite. Dort werden die verwendeten Siglen aufgelöst.

Österreichische Nationalbibliothek

Weitere Materialien zum Thema (Passwort erforderlich)