Die Photographie provoziert neue Fragen

Neue Fragen der Ästhetik (Aisthesis = Wahrnehmung) tauchen auf, die nichts mit klassischer Ästhetik zu tun haben: Es geht um Bedingtheiten, Beschränktheiten und Grenzen der menschlichen Wahrnehmung. Begünstigung der „antirealistischen“ Literatur der Moderne. Viele Schriftsteller der Jahrhundertwende um 1900 betätigen sich auch als Photographen.

Die Interpretationsbedürftigkeit des Realen ist die andere Seite der fortschreitenden Entwicklung von Techniken, die das „Reale“ „objektiv“ zu speichern in der Lage sind. Die Medien zeigen durch die Perfektionierung der technischen Bilder die Bedingtheiten und Begrenzungen der menschlichen Wahrnehmung auf. Wie verlässlich ist Sehen? Wie verlässlich ist Photographie? „Die Sinnesempfindungen sind für unser Bewusstsein Zeichen, deren Bedeutung verstehen zu lernen unserem Verstande überlassen ist.“ (Hermann von Helmholtz, z.n. GdM 252) Jede Fokussierung hat ihre Folgen:

  • Einblenden / Ausblenden
  • Sichtbar machen / unsichtbar werden
  • Beobachten / etwas anderes außer Acht lassen

 

Was ist überhaupt „Realität“? Brecht: Sie rutscht ins Funktionale. Eine Photographie der Krupp-Werke sagt beinahe nichts über diese Einrichtung.

Unterschiede Augen-Blick -vs- Kamera-Blick

  • „Häresie“ der Photographie gegenüber dem kreatürlichen Sehen ist die „Tiefenschärfe“: „the great ‚heresy’ is sharpness“ (Henry Emerson). Der Blick des Auges fokussiert immer nur einen bestimmten Punkt des Gesichtsfeldes.
  • Vergrößerungen.
  • Momente, die das Auge nicht wahrnehmen (isolieren) kann.
  • Das Gehirn synthetisiert Dauer und Kontinuität - das Photo liefert Momente, es zeigt das optisch Unbewusste.

Subjektlose Photographie. Analyse einer Analyse von A. v. Humboldt (1838): A.v.H. wurde anläßlich einer Reise nach Paris zu Beginn des Jahres 1839 um eine Expertise zur Erfindung von Daguerre gebeten, noch bevor diese dem staunenden Publikum vorgeführt wurde. A.v.H. schreibt, die neue Technik zeige Gegenstände, die sich selbst in unnachahmlicher Treue mahlen; Licht, gezwungen durch chemische Kunst, in wenigen Minuten bleibende Spuren zu lassen, die Contouren bis auf die zartesten Theile scharf zu umgrenzen, ja diesen ganzen Zauber [...] bei heiterem sonnenklaren Tage unserer nördlichen Zone in 8 bis 10 Minuten [...] hervorgerufen zu sehen, das spricht freilich unaufhaltsam den Verstand und die Einbildungskraft an.“ (an Herzogin Friederike von Anhalt-Dessau, 7.1.1839)

  1. Die Photographie erscheint ein „subjektloses“ Medium. Emerson: [...] the photographer does not make his picture, A MACHINE DOES IT ALL FOR HIM. Der Mensch wird auf den „Auslöser“ reduziert. „Von der Natur selbst gezeichnete Bilder“ (Berres), die „den Strahl der Sonne dienstbar machen“ und als „Crayon“ benutzen.
  2. Die Maschine „zwingt“ das Licht mit Hilfe chemischer Mittel, Spuren zu hinterlassen. Der Augenblick kann endlich verweilen.
  3. Das Medium, der Zauber, ist entwicklungsfähig. Und er ist schnell.
  4. Die Photographie ermöglicht neue Einblicke und Wahrnehmungen des Fernen und Nahen.

Photo-Realismus ?

???Ist die Photographie ein Mittel zur Aufzeichnung von Wirklichkeit (Rettung der Wirklichkeit) oder aber ein Mittel zur (chemischen) Auflösung von Wirklichkeit? Erzeugt Photographie Wirklichkeit oder eine Scheinwelt sui generis? Du hast von allen Wesen, allen Dingen / Fortan ein Ebenbild, du hast die selbst! (Anton Martin). Mit der Möglichkeit, diesseits der Schriftzeichen Reales wiederzugeben, wächst die Angst vor der Derealisierung. Sein und Schein, Abbild und Ebenbild, Wirkliches und Unwirkliches zu unterscheiden, wenn perfekte Techniken zur Verfügung stehen, wird schwierig und erzeugt Unsicherheit. Wo Rettung ist, wächst die Gefahr. (GdM 249)

W. Benjamin: Kleine Geschichte der Photographie.

Walter Benjamin: Der Beschauer fühlt den Zwang, in einem perfekten Bild das winzige Fünkchen Zufall, Hier und Jetzt, zu suchen, mit dem die Wirklichkeit des Bildcharakter gleichsam durchgesengt hat.

Die Medienparanoia: Honoré de Balzac soll handfeste Angst davor gehabt haben, durch photographische Prozesse sein eigenes Ebenbild zu werden und sich dadurch selbst zu verlieren. Sein Körper würde bei jedem Photo Schicht um Schicht verlieren und nach und nach in die Photos einwandern. Ein Schimmer dieser Angst ist auch noch heute spürbar, wenn sich Menschen dem Photographiertwerden entziehen wollen.

Das Schweigen der Photos

Männliche WImpern, weibliche Zehen
Das Schweigen des Fotos. Eine seiner wertvollsten Eigenschaften, im Unterschied zum Film und zum Fernsehen, denen man immer Schweigen aufzwingen muß, ohne daß es gelingt. Das Schweigen des Fotos, das keinen Kommentar braucht (oder bräuchte!) (Jean Baudrillard, Illusion, z.n. GdM 243) Photos sprechen für sich, können nicht lügen, lügen können allein die Unterschriften. Photos verheißen Stille. Alles ist, wie es ist – nämlich so, wie es erscheint. (GdM 243)

Ich werde geschrieben werden. Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen, und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben, und jeder Sinn wird wie Wolken sich auflösen und wie Wasser niedergehen. Bei aller Furcht bin ich schließlich doch wie einer, der vor etwas Großem steht, und ich erinnere mich, daß es früher oft ähnlich in mir war, eh ich zu schreiben begann. Aber diesmal werde ich geschrieben werden. (R.M. Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, nach GdM 243f.)

Die ersten Hypes der Photographie

Aktaufnahmen, Pornographie: Entdecken, Entschleiern, Bloßstellen.