Abriss zur Geschichte

Die Photographie kennt ein seltsames Pathos: Das Stillstehen ihrer Zeit, das Festhalten des Augenblicks. Sie kann nicht den Fluß der Zeit darstellen, doch sie träumt davon, seitdem es sie gibt. Photographie träumt von Anfang an davon, Kinematographie […] zu werden. (GdM 296)

 „Die Leute sind es nämlich müde reden zu hören. Sie haben einen tiefen Ekel vor den Worten: Denn die Worte haben sich vor die Dinge gestellt. Das Hörensagen hat die Welt verschluckt.“ (Hofmanntsthal, 1902)

Das Phänomen der Geschwindigkeit. Victor Hugo schreibt 1837, also kurz vor dem Bekanntwerden der Photographie: Die Blumen am Feldrand sind keine Blumen mehr, sondern Farbflecken oder vielmehr rote oder weiße Streifen; die Getreidefelder werden zu langen gelben Strichen, die Kleefelder erscheinen wie lange grüne Zöpfe; die Städte, die Kirchtürme und Bäume führen einen Tanz auf und vermischen sich auf eine verrückte Weise mit dem Horizont. (GdM 296). Die Ursache für diese Wahrnehmung ist die Trägheit der Retina. Ein Phänomen, welches sich auch der Film zu nutze macht, in dem er anfangs mit 1/16, später mit 1/24-Sekundenschnitten arbeitet. Erst das Hirn erzeugt ein Kontinuum aus den statischen Einzelbildern. Das bis dato "realistischte" unter den Medien verdankt seine Suggestivität einer optischen Täuschung. (GdM 299)

Medienängste

Auch das Kino kommt nicht ungeschoren davon. Hier ein paar schöne Zitate (Quelle).

  • So wie der Kinematograph heute ist, befördert er die sittliche Zersetzung des deutschen Volkes, muß also als Macht des Bösen beurteilt werden. [...] Der Mensch des Kinematographen schert sich nicht viel um Familie, Staat oder gar Kirche.  (Walther Conradt: Die Kirche und der Kinematograph, 1910)
  • Ein schlechtes Buch kann die Phantasie des Lesers irreleiten. Kino vernichtet die Phantasie. (Pfemfert 1911)
  • Wir (haben) ein ganz natürliches Bedürfnis, interessante, grausige und furchtbare Dinge, die wir in Wirklichkeit niemals zu sehen bekommen, wenigstens in der Kunst an unseren Augen vorübergehen zu lassen. Für den Gebildeten ist das Hauptmittel, um diesem Bedürfnis Genüge zu leisten, die Poesie, speziell die tragische. Für den Ungebildeten ist es der Kino, besonders das Kinodrama. [...] Die dargestellten Vorgänge (...) verlangen geradezu das Ausschalten jeder Denkkraft (...), so daß sie, öfter genossen, geradezu verdummend (...) auf den Geist wirken müssen. (Lange, 1918 und 1920)
  • Noch ein Zitat aus dem Umkreis der "Kinoreformbewegung": Viele Arbeiter schienen unmittelbar von der Arbeitsstätte in Arbeitskleidung gekommen zu sein. Viele Frauen (...) meist ohne Begleitung ihrer Männer, waren zu bemerken, auch manchmal mit Männern, die wohl nicht ihre Ehemänner sind. (...) Vielfach wurden auch junge Pärchen aus dem Arbeiterstand beobachtet, die sich in nicht ganz einwandfreier Weise auf den weniger beleuchteten Plätzen benahmen.(Bericht der Volksgemeinschaft zur Wahrung von Anstand und guter Sitte, 1920)

Der Start

1882: Vorstellung des Kinetographen durch Edison. Der K. ist eine Filmkamera, in die ein Zelluloidstreifen eingelegt wird. Dieser ist eine Erfindung Hannibal Goodwins (1887) - parallel dazu meldete auch die Eastman Company ein Patent an.

1895, März 22 Die Brüder Lumière präsentieren den ersten Film der Weltgeschichte. Länge: 8m, Dauer 1 min. Titel: Arbeiter verlassen die Lumière-Werke. Später: Der begossene Blumengießer, Ankunft eines Zuges ("L'Arrivée du Train“). Auch in Deutschland  (Emil und Max Skaldanovky), New York, Washington und London gab es in diesem Jahr erste Filmvorführungen zu sehen. Die Lumières haben eigentlich den funktionierenden Projektor erfunden („Kinétoscope de projection“ ). 

Das wandernde Kino

Das Kino entwickelt sich zunächst als Jahrmarktspaß, wo schon Panoramen, Monstren und andere Ansonderlichkeiten ihre Platz hatten.

1896: Charles Pathé (1863-1957) gründet eine Firma, die Filme verkauft und Vorführgeräte produziert. Anfangs: 10 – 20 Min. lange Filme voll mit komödiantischen Szenen des prallen Lebens. Ab 1907 Beginn des Verleihgeschäfts mit Filmen. Seit seiner ersten öffentlichen Präsentation 1895 führt das Kino zunächst etwa 10 bis 15 Jahre lang ein Schattendasein als Jahrmarktsattraktion und vagabundierendes Varieté- Amusement. Erst gegen Mitte des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts beginnt das Kino seßhaft zu werden. [...] Weniger an der technischen Geburtsstunde des Films orientiert, formierten sich in den letzten Jahren auch filmhistorische Ansätze, die die Entstehung des Films und seine Etablierung zum Massenmedium in einer sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Perspektive in den Grundzügen des 19. Jahrhunderts fundieren. (MRR, 14) (Quelle)

Das Massenmedium Kino

Einmal etabliert, verbreitet sich das Kino als Massenmedium zügig. - 1911 Erstes Großkino in Paris mit 4800 Plätzen. 1913 besuchen mehr als 1 Mio. Deutsche besuchen täglich die Kinos. - 1911 Gründung eines Filmkartells in den USA , danach Teilung in Warner-Brothers und Fox, 1919 entsteht United Artists.

Neue technische Verfahren und Nationalisierung des Mediums

1917: Aus den Erfahrungen der Unterlegenheit der deutschen Bilderindustrie wurde auf Initiative von Erich Ludendorff die UfA (Universum Film AG) gegründet. Ihm schwebte ein großer Filmkonzern vor, der - vom Staat gesteuert - den nationalen Interessen dienen sollte. Unter diesem Vorzeichen wurde die Universum-Film AG (Ufa) am 18. Dezember 1917 in Berlin als Zusammenschluss privater Filmfirmen gegründet. (Quelle).1927 wird die UFA durch Alfred Hugenberg erworben. Es folgt die Funktionalisierung des Films als neues Medium durch die Nationalsozialisten in Deutschland (besonders: Goebbels). Ein paar Highlights des deutschen Films:

  • 1914: Der Golem (R: Paul Wegener)
  • 1920: Der Golem, wie er in die Welt kam (R: Paul Wegener)
  • 1923: Die Nibelungen. (R: Fritz Lang)
  • 1927: Metropolis (R: Fritz Lang). Der treuerste Film seiner Zeit. Metropolis war bei seiner Premiere ca. 210 Minuten bzw. 4.189 Filmmeter lang. Es wurden jedoch ca. 650.000 Material gedreht. Auch die Rezeptionsgeschichte des Films ist interessant. 1984 wurde von Georgio Moroder durch neue Schnitte und schnelleres Tempo etc. eine Kurzfassung von 87 Minuten hergestellt. Er machte aus dem Stummfilm einen monumentalen Videoclip (mit Freddy Mercury u.a.), der großen Einfluss auf die Entwicklung der Videoclip-Ära hatte.

1921: Lichttonverfahren (Vogt, Masolle, Engl): Die Synchronisation der Daten erfolgt uf demselben Datenträger. Ankauf des Patents durch William Fox. Der Tonfilm setzt sich ab 1930 durch. Veränderungen durch den Tonfilm: U.a. „Nationalisierung“ des Films, Benachteiligung kleinerer Sprachgruppen, Internationalisierung und Konzentration durch Vorherrschaft großer Filmgesellschaften. Konjunktur von kapitalintensiven Studio- und Kulissenfilmen.

1930: Technicolor-Verfahren - teuer und gut. Versuche zum Farbfilm gab es aber bereits seit 1895. Vom Winde verweht (1939) erorbert als Farbfilm die Kinos der Welt. (Vgl. Wikipedia)

Kinematographen usw.

Kinetoscope

Panorama

Panoramen sind ein Faszinosum des frühen 19. Jahrhundert. Sie schufen (vor Film und Photographie) virtuelle Realitäten immersiven Charakters, konnten Reisen an berühmte Orte anbieten oder historische Schlachten nacherlebbar machen. Ein Beispiel: Das Kaiserpanorama. Ähnlich faszinierend für die Menschen des 19. Jahrhunderts war die Entdeckung der Stereophotographie.

Der Kinoerzähler

Vom Mythos des Kinoerzählers in der Stummfilmzeit vgl: G. Hofmann: Der Kinoerzähler.

Kinoreformbewegung

Die Publikation, auf die sich in den Folgejahren die meisten der Kinoreformer beziehen und die den ersten größeren Überblick über die verschiedenen Anliegen der Kinoreform gibt, ist Walter Conradts „Kirche und Kinematograph“ von 1910. (WELTHER, Medienrevolutionen und Redereflexe, 2000)